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21 September 2026
Gesundheitswissen
Prävention

Alzheimer verstehen: Was hilft und was nur Angst macht

Ein anatomisches Modell eines menschlichen Gehirns steht auf dem hellen Holzschreibtisch eines Sprechzimmers, daneben eine Lesebrille und ein Notizbuch.

Zum Welt-Alzheimertag: eine ruhige Erklärung, was wirklich hilft und wovon ich abrate.

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht jemand bei mir im Sprechzimmer sitzt und sich Sorgen um sein Gedächtnis macht. Namen fallen nicht mehr ein. Der Schlüssel liegt wieder woanders. Und fast immer fällt irgendwann dasselbe Wort: Alzheimer.

Am 21. September ist Welt-Alzheimertag. Das Motto in diesem Jahr lautet „Demenz, (k)eine Frage des Alters“. Gemeint ist damit: Demenz trifft nicht nur alte Menschen.

Die Angst davor ist groß. In einer Umfrage vom November 2025 wurde gefragt, welche Krankheiten die Deutschen am meisten fürchten. Auf Platz eins steht Krebs, auf Platz zwei die Demenz. Mehr als jeder Zweite nannte sie, selbst unter den jungen Leuten.

Ich verstehe das gut. Aber Angst entsteht oft dort, wo man nur die halbe Information hat. Deshalb erkläre ich hier in Ruhe, was wir heute wissen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Demenz ist ein Zustand, Alzheimer ist eine Krankheit. Das ist nicht dasselbe, und manche Ursachen lassen sich behandeln.
  • Eine einzelne Gedächtnispanne sagt nichts. Wichtig ist, ob es über Monate mehr wird und ob der Alltag leidet.
  • Die neuen Medikamente heilen nicht. Sie bremsen die Krankheit ein wenig, und sie kommen nur für einen Teil der Betroffenen infrage, im frühen Stadium.
  • Am besten belegt ist: Lassen Sie einen hohen Blutdruck behandeln. Bewegung, Hörgerät, Brille und Kontakt zu anderen Menschen sind vernünftig, auch wenn der letzte Beweis fehlt.
  • Lassen Sie keinen Gedächtnistest und kein MRT als Vorsorge machen, solange Sie keine Beschwerden haben. Das bringt nachweislich nichts und kann Sie unnötig beunruhigen.

Demenz und Alzheimer sind nicht dasselbe

Das ist die häufigste Verwechslung. Und sie lässt sich leicht auflösen.

Demenz ist kein Krankheitsname, sondern ein Zustand. Gemeint ist: Das Gedächtnis lässt nach, und dazu mindestens eine weitere geistige Fähigkeit. Und zwar so stark, dass der Alltag darunter leidet.

Denken Sie an das Wort „Fieber“. Fieber ist auch keine Krankheit, sondern ein Zustand. Dahinter kann eine Grippe stecken, eine Blasenentzündung oder etwas ganz anderes.

Alzheimer ist dagegen eine echte Krankheit. Sie ist die häufigste Ursache für eine Demenz. Von 10 Menschen mit Demenz haben etwa 6 bis 8 die Alzheimer-Krankheit. Aber eben nicht alle.

Es gibt noch andere Ursachen:

  • Die vaskuläre Demenz entsteht durch Durchblutungsstörungen im Gehirn. Hier ist nicht das Gedächtnis das Hauptproblem. Die Betroffenen werden langsamer im Denken, und ihre Stimmung schwankt stark.
  • Bei der Lewy-Körper-Demenz ist die Tagesform sehr unterschiedlich. An manchen Tagen läuft es gut, an anderen gar nicht. Viele Betroffene sehen Dinge, die nicht da sind.
  • Bei der frontotemporalen Demenz verändern sich zuerst das Wesen und die Sprache. Das Gedächtnis kommt erst später dran. Diese Form trifft öfter jüngere Menschen.

Je älter ein Mensch wird, desto häufiger kommt mehreres davon zusammen. Eine reine Form gibt es im hohen Alter eher selten.

Und dann gibt es Ursachen, die man behandeln kann. Bleiben wir beim Fieber: Steckt eine Blasenentzündung dahinter, hilft ein Antibiotikum, und das Fieber ist weg. So ähnlich ist es hier. Eine Schilddrüse, die zu wenig arbeitet. Ein Mangel an Vitamin B12. Eine Depression. Nebenwirkungen von Medikamenten. Oder eine langsame Blutung unter der Schädeldecke, oft nach einem Sturz. Wird die Ursache behandelt, bessern sich die Beschwerden oft wieder, manchmal verschwinden sie ganz.

Wer nicht nachschaut, findet genau diese Fälle nicht. Und das sind die, bei denen man noch etwas ändern kann.

Was bei Alzheimer im Gehirn passiert

Die Krankheit beginnt viele Jahre, bevor man etwas merkt. Zwischen dem Beginn im Gehirn und den ersten Beschwerden liegen oft mehr als zehn Jahre.

In dieser Zeit lagert sich zwischen den Nervenzellen ein Eiweiß ab, das Beta-Amyloid heißt. Stellen Sie sich das vor wie Kalk im Wasserkocher: nicht von heute auf morgen, sondern über Jahre, Schicht für Schicht. In den Zellen selbst verklumpt ein zweites Eiweiß namens Tau. Nach und nach gehen die Verbindungen zwischen den Nervenzellen verloren, Zellen sterben ab, und das Gehirn wird messbar kleiner.

Das ist die beste Erklärung, die wir haben. Bewiesen ist sie nicht. Bei vielen Patienten passt das Bild im Gehirn nämlich nicht zu den Beschwerden. Manche haben viele Ablagerungen und merken nichts davon, andere haben wenige und sind doch schwer krank.

Wie wenig ein Messwert manchmal aussagt, zeigte eine Studie aus dem Jahr 2025. Fast 4.000 Menschen mit beginnender Alzheimer-Krankheit bekamen Semaglutid, das viele als Abnehmspritze kennen. Man wollte wissen, ob es die Krankheit bremst. Die Werte im Labor, an denen man die Krankheit misst, wurden tatsächlich besser. Den Patienten ging es trotzdem nicht besser als denen mit Scheinmedikament. Die Entwicklung als Alzheimer-Medikament wurde daraufhin gestoppt.

Ein besserer Laborwert ist eben noch kein besserer Patient. Diesen Satz brauchen wir weiter unten noch einmal.

Wann Vergesslichkeit normal ist und wann nicht

Das ist die Frage, die ich dazu am häufigsten höre. Nicht „Habe ich Alzheimer?“, sondern „Ist das noch normal?“.

Das ist normal:

  • Ihnen fällt ein Name nicht ein, und eine Stunde später ist er wieder da.
  • Sie suchen den Autoschlüssel.
  • Sie gehen in einen Raum und müssen kurz überlegen, warum.
  • Sie sind müde oder gestresst und dadurch vergesslicher.

Da sollten Sie genauer hinschauen:

  • Eine Information ist gar nicht mehr da. Auch nicht, wenn jemand nachhilft.
  • Dieselbe Frage wird immer wieder gestellt, obwohl die Antwort schon mehrmals kam.
  • Der Alltag klappt nur noch mit Zetteln.
  • Jemand weiß in vertrauter Umgebung nicht mehr, wo er ist oder welcher Tag heute ist.
  • Beim Sprechen fehlen die Wörter.
  • Gesichter, Farben oder Entfernungen werden schlecht erkannt.
  • Jemand zieht sich zurück oder verändert sich im Wesen.

Die beste Faustregel lautet: Eine einzelne Panne sagt nichts. Wichtig ist, ob es über Monate mehr wird und ob der Alltag darunter leidet.

Und noch etwas: Meistens merkt es nicht der Betroffene selbst, sondern die Familie.

Ein Wort zum Motto in diesem Jahr. In Deutschland leben etwa 106.000 Menschen mit Demenz, die jünger als 65 Jahre sind, rund 47.000 davon zwischen 40 und 59. Klagt jemand in diesem Alter über Gedächtnisprobleme, denken alle zuerst an Stress, Erschöpfung oder eine Depression. Auch Ärzte, und das zu Recht, denn diese Ursachen sind viel häufiger. Es führt aber dazu, dass gerade jüngere Betroffene oft jahrelang keine Erklärung bekommen. Deshalb: Bleiben die Beschwerden trotz Behandlung von Stress oder Depression über Monate bestehen oder nehmen sie zu, gehört auch mit 50 eine Abklärung dazu.

Wie viele Menschen betroffen sind

In Deutschland leben etwa 1,4 bis 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz. Wichtiger als die Gesamtzahl ist aber das Alter. Und da gilt ein klarer Satz: Das Risiko verdoppelt sich etwa alle fünf Lebensjahre. Erst ganz im hohen Alter flacht das ab.

Konkret heißt das:

  • Mit 65 bis 69 Jahren ist etwa 1 von 50 Menschen betroffen.
  • Mit 80 bis 84 Jahren ist es etwa 1 von 7.
  • Ab 90 Jahren ist es gut 1 von 3.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der Hauptgrund: Frauen werden im Schnitt älter.

Und jetzt die gute Nachricht, die selten in der Zeitung steht: Für den einzelnen Menschen ist das Risiko in den letzten Jahrzehnten gesunken, pro Jahrzehnt um etwa 13 Prozent. Als Gründe vermutet man bessere Bildung und die bessere Behandlung von Blutdruck, Zucker und Cholesterin. Dass die Gesamtzahl der Erkrankten trotzdem steigt, liegt schlicht daran, dass wir alle älter werden. Beides stimmt gleichzeitig.

„Bekomme ich das auch, weil meine Mutter es hatte?“

Diese Frage höre ich oft. Die Antwort ist beruhigender, als die meisten denken.

Es gibt eine Form, die wirklich vererbt wird. Ein einzelner Gendefekt löst dabei die Krankheit aus. Sie ist selten, macht etwa 1 von 100 Fällen aus, beginnt meist früh und tritt in der Familie über Generationen auffällig oft auf.

Alles andere wird nicht direkt vererbt. Wenn Mutter oder Vater erkrankt sind, steigt Ihr eigenes Risiko etwas, aber es ist kein Schicksal. Es gibt eine bekannte Risiko-Genvariante namens ApoE4, und dazu einen wichtigen Satz: Die meisten Menschen, die diese Variante tragen, erkranken trotzdem nicht. Merken Sie sich den Namen, er kommt gleich bei den neuen Medikamenten noch einmal vor.

Die neuen Medikamente: Antikörper

Seit 2025 sind in Europa zwei neue Medikamente zugelassen: Lecanemab und Donanemab, die Handelsnamen sind Leqembi und Kisunla. Es sind Antikörper, also Eiweiße, die sich an ein Ziel im Körper heften, hier an die Ablagerungen. Das Besondere: Sie räumen diese Ablagerungen tatsächlich ab. Alle Medikamente davor haben nur die Beschwerden gemildert. Deshalb war die Aufregung in den Zeitungen groß.

Wie viel bringen sie? In den großen Studien wurde der geistige Abbau um etwa ein Viertel verlangsamt. Im Alltag heißt das: Wer das Medikament anderthalb Jahre nimmt, steht danach ungefähr da, wo er ohne Medikament schon nach gut einem Jahr gestanden hätte. Der Gewinn sind also rund sechs Monate Aufschub. Gewonnene Lebenszeit ist damit nicht gemeint.

Über den Wert dieses Gewinns wird offen gestritten. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hält ihn für wichtig. Der Ausschuss, der in Deutschland den Nutzen neuer Medikamente bewertet, kam 2026 für beide Medikamente zum gegenteiligen Ergebnis: Es sei nicht bewiesen, dass die Patienten davon wirklich etwas merken. Beide Seiten haben gute Argumente, entschieden ist der Streit nicht.

Bezahlt wird es trotzdem, die Kasse übernimmt die Behandlung. Verschreiben dürfen es aber nur bestimmte Fachärzte, Neurologen oder Psychiater mit Erfahrung in der Alzheimer-Behandlung. Wer das Medikament bekommen soll, muss einige Bedingungen erfüllen, und die Behandlung selbst ist aufwendig:

  • Nur Menschen in einem frühen Stadium kommen infrage. Die Ablagerungen müssen nachgewiesen sein, über eine Untersuchung des Nervenwassers oder eine spezielle Aufnahme des Gehirns.
  • Vor dem Start ist ein Gentest vorgeschrieben. Er prüft die Risikovariante ApoE4 von oben. Wer sie doppelt trägt, also von Vater und Mutter geerbt hat, darf das Medikament nicht bekommen. Bei diesen Menschen sind die Nebenwirkungen zu häufig. Wer die Variante nur einmal trägt, darf es bekommen. Und das hat eine Folge, die man vorher wissen sollte: Jeder, der das Medikament will, erfährt dabei zwangsläufig, ob er die Risikovariante trägt, ob er das wissen wollte oder nicht. Und was er trägt, können auch seine Kinder geerbt haben.
  • Die Infusionen laufen alle zwei bis vier Wochen, dazu kommen regelmäßige Kontrollen im Kernspin (MRT).

Und die Nebenwirkungen muss man kennen: Schwellungen und kleine Blutungen im Gehirn. Eine Schwellung bekam mit der heute üblichen Dosierung etwa jeder Achte bis jeder Sechste, kleine Blutungen waren deutlich häufiger als ohne Medikament. Meistens merkt man davon nichts. Selten wird es gefährlich: In der großen Studie zu Donanemab starben 3 von rund 850 Behandelten an Folgen der Behandlung.

Lecanemab kostet rund 24.000 Euro im Jahr, die Untersuchungen kommen dazu. Rechnet man alle Bedingungen zusammen, kämen in Deutschland höchstens etwa 73.000 der jährlich 460.000 Menschen infrage, die neu die Diagnose bekommen. Das ist ungefähr jeder Sechste, in Wirklichkeit eher weniger.

Heilen können diese Medikamente also nicht. Sie bremsen die Krankheit ein wenig, mehr nicht. Wer das für sich oder einen Angehörigen überlegt, sollte in Ruhe mit einer Gedächtnisambulanz sprechen. Das ist eine Spezial-Sprechstunde an einer Klinik.

Die bewährten Medikamente

Es gibt seit langem Medikamente mit Namen wie Donepezil, Rivastigmin und Galantamin. Sie werden bei leichter und mittelschwerer Alzheimer-Demenz empfohlen. Ihr Effekt ist klein. Manche Patienten merken ihn im Alltag trotzdem, vor allem bei der Aufmerksamkeit und der Selbstständigkeit. Den Verlauf der Krankheit ändern sie nicht.

Ein weiteres Medikament heißt Memantin. Es wird erst ab dem mittelschweren Stadium empfohlen, bei leichter Demenz wirkt es nachweislich nicht.

Im Vorstadium, also wenn erst leichte Gedächtnisprobleme da sind, wirken diese Medikamente ebenfalls nicht. Das gilt auch dann, wenn die Laborwerte schon auffällig sind.

Was ohne Medikament hilft

Zwei Menschen sitzen an einem Holztisch in einer hellen Küche, zu sehen sind nur die Hände: links die eines sehr alten Menschen, rechts die des erwachsenen Kindes, dazwischen zwei Kaffeetassen.

Drei Dinge helfen bei einer bestehenden Demenz nachweislich, und keines davon ist ein Medikament.

Bewegung. Ausdauer und etwas Kraft, am besten rund 150 Minuten pro Woche. Die Leitlinie, also das, was die Fachärzte gemeinsam empfehlen, rät ausdrücklich dazu: Wer sich bewegt, bleibt länger selbstständig. Für das Gedächtnis selbst ist die Empfehlung vorsichtiger.

Angeleitete Gruppenangebote. Feste Treffen in der Gruppe mit Gesprächen und gemeinsamen Unternehmungen. Nach den vorliegenden Studien verbessert das die Verständigung und das Miteinander.

Hilfe für die Angehörigen. Das hat in der Leitlinie die höchste Stufe, und zwar nicht erst, wenn nichts mehr geht. Schon bei einer leichten Depression, oder wenn die Belastung sonst auf die Seele schlägt, sollen pflegende Angehörige selbst eine Behandlung angeboten bekommen. Zwei von drei Menschen mit Demenz werden in Deutschland zu Hause von der Familie betreut, und wer pflegt, wird selbst leichter krank. Dass Schulung und Beratung die Belastung messbar senken, ist gut untersucht. Beratung und Entlastungsangebote sind deshalb kein Trostpflaster, sondern Teil der Behandlung.

Die 45 Prozent aus der Zeitung

Seit 2024 geht eine Zahl durch alle Medien: 45 Prozent aller Demenzen seien vermeidbar. Dahinter steht eine große Auswertung vieler Studien mit vierzehn Risikofaktoren. Diese Zahl muss man einordnen, sonst versteht man sie falsch.

Es ist eine Rechnung am Schreibtisch. Sie setzt voraus, dass jeder dieser Faktoren die Krankheit wirklich auslöst und dass man ihn vollständig aus der Bevölkerung entfernen könnte. Beides trifft nicht zu, und die Autoren schreiben selbst, dass ihre Zahl theoretisch gemeint ist. Bei manchem ist nicht einmal klar, was Ursache und was Folge ist: Wer sich aus dem Vereinsleben zurückzieht, hat ein höheres Demenzrisiko. Aber dieser Rückzug kann genauso gut schon ein erstes Zeichen der Krankheit sein.

„Die Hälfte aller Demenzen ist vermeidbar“ stimmt so also nicht. Was bleibt, ist nicht wenig.

Was Sie konkret tun können

Von oben fotografiert liegen auf einem hellen Holztisch ein Blutdruckmessgerät, ein kleines Hörgerät, eine Lesebrille, ein Paar Laufschuhe und ein Glas Wasser.

Die deutsche Leitlinie ist hier erfreulich nüchtern. Sie nennt zwei Empfehlungen zur Vorbeugung, und beide sind vorsichtig formuliert.

Die erste: Lassen Sie einen hohen Blutdruck behandeln. Und nehmen Sie die Medikamente dann auch. Das ist die einzige Maßnahme, die die Leitlinie ausdrücklich auch mit dem Ziel empfiehlt, den geistigen Abbau zu bremsen. Seien Sie aber nicht enttäuscht, wenn Sie die Zahlen dahinter sehen. In den Studien, zusammen über 30.000 Patienten, ließ sich ein leichter Vorteil bei den Gedächtnisleistungen zeigen. Ein sicherer Rückgang der Demenzfälle aber nicht. Der Effekt ist klein, und die Leitlinie nennt ihn selbst so. Sie empfiehlt es trotzdem, aus einem schlichten Grund: Ein behandelter Blutdruck nützt Ihnen ohnehin, vor allem gegen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Die zweite: Die bekannten Risikofaktoren gehören in die Beratung. Gemeint sind Hören, Sehen, Bewegung, Zucker, Cholesterin, Rauchen, Alkohol und soziale Kontakte. Auch das mit einer Einschränkung: Für keinen einzelnen dieser Punkte gibt es eine Studie, die beweist, dass sein Abstellen eine Demenz verhindert.

Für den Alltag bleibt eine ganze Liste. Nichts davon ist teuer, und das meiste tut Ihnen aus anderen Gründen sowieso gut.

  • Einen Typ-2-Diabetes konsequent behandeln lassen. Dass Diabetes das Risiko erhöht, ist gut belegt.
  • Ein Hörgerät tragen, wenn Sie schlechter hören. Über alle Teilnehmer gesehen zeigte die große Studie dazu keinen Unterschied. Bei älteren Menschen mit erhöhtem Risiko zeigte sich aber ein deutlicher Vorteil. Und davon ganz abgesehen: Wer schlecht hört, zieht sich zurück. Das allein ist schon Grund genug.
  • Eine Brille tragen, die wirklich passt.
  • Sich regelmäßig bewegen. Ausdauer und etwas Kraft.
  • In Kontakt bleiben. Verein, Chor, Nachbarn, Enkel.
  • Das Gehirn beschäftigen. Dazu gleich mehr.
  • Eine Depression behandeln lassen.
  • Den Kopf schützen. Fahrradhelm auf, Stolperfallen in der Wohnung weg.
  • Nicht rauchen und beim Alkohol maßhalten.
  • Essen wie am Mittelmeer. Viel Gemüse, Olivenöl, Fisch, wenig rotes Fleisch. Ein direkter Vergleichsversuch über drei Jahre, mit einer ähnlichen Ernährungsform, hat für das Gehirn nichts gezeigt. Für Herz und Gefäße lohnt es sich trotzdem.

Gehirntraining: Der Unterschied, auf den es ankommt

Hier wird oft alles in einen Topf geworfen. Dabei geht es um zwei verschiedene Sachen.

Erstens: Wer sein Gehirn benutzt, bleibt geistig länger fit. Das ist gut untersucht. In einer großen Studie wurden über 2.800 ältere Menschen angeleitet trainiert. Noch zehn Jahre danach gaben sie an, im Alltag besser zurechtzukommen als die Vergleichsgruppe. Denkvermögen und Reaktionsgeschwindigkeit hielten sich über die vollen zehn Jahre, beim reinen Auswendiglernen nicht so lange.

Das heißt: Gegen das geistige Nachlassen im Alter können Sie etwas tun. Lernen Sie eine Sprache, spielen Sie ein Instrument oder Karten, lesen Sie, machen Sie Kreuzworträtsel. Diese Beispiele wurden so nicht untersucht, aber der Gedanke ist derselbe: Es sollte Sie wirklich fordern und nicht zur reinen Gewohnheit werden.

Zweitens: Die Alzheimer-Krankheit hält das nicht auf. Das Training macht Ihren Kopf leistungsfähiger, es verhindert aber nicht, dass sich im Gehirn Ablagerungen bilden. Man vermutet allerdings, dass ein gut trainierter Kopf dieselben Ablagerungen länger ausgleichen kann. Die Beschwerden kämen dann später.

Eine Einschränkung gehört dazu. Die genannte Studie war ein angeleitetes Programm mit echten Trainern, keine App. Bei den Gehirnjogging-Apps sieht es dünn aus. Sie werden dort zuverlässig besser in genau der Übung, die Sie gerade machen, aber dass sich das auf den Alltag überträgt, ist kaum belegt. Die amerikanische Verbraucherschutzbehörde hat sich 2016 mit dem Anbieter Lumosity auf eine Strafzahlung geeinigt, weil das Unternehmen mit Schutz vor Demenz geworben hatte, ohne das belegen zu können.

Mein Rat: Fordern Sie Ihren Kopf, gerne und regelmäßig. Aber erwarten Sie von einer App keinen Schutz vor Alzheimer, und zahlen Sie dafür kein Abo.

Was aus Apotheke und Drogerie wirklich hilft

Vor einer Demenz schützen Vitamine nicht. Das ist gut untersucht, über 83.000 geistig gesunde Menschen ab 40 Jahren wurden dafür ausgewertet. Für B-Vitamine, Vitamin D, Zink und Selen fand sich kein überzeugender Nutzen. Vitamin E hat bei Menschen mit ersten Gedächtnisproblemen den Übergang in eine Demenz nicht aufgehalten, und auch Kokosöl hat in der besten Studie dazu nichts gebracht.

Ein echter Mangel ist etwas völlig anderes. Ein Vitamin-B12-Mangel zum Beispiel kann Gedächtnis und Konzentration deutlich stören. Er kommt im Alter häufiger vor, ebenso bei Menschen, die Säureblocker gegen Sodbrennen oder bestimmte Diabetes-Medikamente nehmen, und bei vegetarischer oder veganer Ernährung. So ein Mangel gehört behandelt. Gefunden wird er mit einer Blutuntersuchung, und die gehört zu jeder ordentlichen Abklärung bei Gedächtnisproblemen dazu.

Der Unterschied in einem Satz: Einen Mangel behandelt man. Vorbeugen kann man mit Vitaminen nicht.

Ginkgo ist ein Sonderfall. Ein bestimmtes Ginkgo-Medikament aus der Apotheke, in einer festen Dosis von 240 Milligramm täglich, hat in der deutschen Leitlinie eine schwache Empfehlung. Aber nur zur Behandlung einer schon bestehenden leichten bis mittleren Demenz. Zum Vorbeugen bei Gesunden gibt es keinen Beleg. In der Behandlung zahlt es übrigens die Kasse.

Ein Hinweis, weil man Ginkgo ohne Rezept bekommt: Wer Blutverdünner nimmt, zum Beispiel ASS, Clopidogrel oder Marcumar, sollte Ginkgo nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen und es drei bis vier Tage vor einer Operation absetzen. So steht es im Beipackzettel, auch wenn große Auswertungen ein erhöhtes Blutungsrisiko bisher nicht bestätigen. Die Rücksprache kostet Sie einen Satz beim nächsten Termin.

Und die Ginkgo-Kapseln aus Drogerie und Internet sind etwas anderes: Sie enthalten nicht den geprüften Wirkstoff und meist auch nicht dieselbe Menge.

Aluminium in Deos oder Zahnfüllungen. Dieser Verdacht hält sich seit Jahrzehnten. Man hat im Gehirn von Verstorbenen erhöhte Aluminiumwerte gefunden. Heute geht man davon aus, dass das eine Begleiterscheinung der Krankheit ist und nicht ihre Ursache.

Wovon ich Ihnen abrate

Jetzt kommt etwas, das viele nicht erwarten.

Lassen Sie keinen Gedächtnistest zur Vorsorge machen, solange Sie keine Beschwerden haben. Das Gleiche gilt für ein MRT vom Kopf als Vorsorge, oft als „Brain-Check“ verkauft. Etwas anderes ist ein Test, den Ihre Ärztin oder Ihr Arzt aus einem konkreten Grund vorschlägt. Der hat seine Berechtigung.

Was heißt hier „keine Beschwerden“? Nicht, dass Ihnen nie ein Name fehlt. Beschwerdefrei sind Sie, wenn weder Ihnen selbst noch Ihrer Familie über Monate auffällt, dass etwas nachlässt, und wenn der Alltag ohne Zettel und Erinnerungshilfen funktioniert. Die Zeichen, bei denen das anders ist, stehen weiter oben unter „Wann Vergesslichkeit normal ist und wann nicht“. Wer nichts davon bei sich bemerkt und den Test nur zur eigenen Beruhigung machen möchte, gehört in diese Gruppe.

Die deutsche Leitlinie lehnt solche Tests bei Beschwerdefreien ausdrücklich ab, und zwar einstimmig. Der IGeL-Monitor, eine Stelle, die Leistungen zum Selbstzahlen bewertet, stuft beides als eher schädlich denn nützlich ein: den Hirnleistungs-Check und das Vorsorge-MRT.

Der Grund ist schlichte Rechnerei. Die üblichen Kurztests erkennen etwa 81 von 100 Erkrankten und stufen 89 von 100 Gesunden richtig ein. Das klingt gut. Rechnen wir es aber einmal für 1.000 Menschen Anfang 70 durch, die alle zum Test gehen:

  • Etwa 40 von ihnen haben tatsächlich eine Demenz. Der Test findet 32 davon.
  • Die anderen 960 sind gesund. Von ihnen bekommen aber gut 100 ein auffälliges Ergebnis, obwohl ihnen nichts fehlt.

Unter den auffälligen Ergebnissen sind also mehr als dreimal so viele Fehlalarme wie echte Treffer. Und jeder Fehlalarm bedeutet für einen gesunden Menschen wochenlange Angst und weitere Untersuchungen. Eine Studie mit über 4.000 Hausarztpatienten hat das überprüft: Ein Jahr nach dem Test ging es der getesteten Gruppe in keinem Punkt besser als der Vergleichsgruppe, weder bei der Angst noch bei der Lebensqualität.

Bluttests. Es gibt inzwischen Bluttests, die anzeigen, ob sich im Gehirn Ablagerungen befinden. Ein echter Fortschritt, aber sie sind für Menschen mit Beschwerden gedacht und gehören in die Hand von Spezialisten. Für Gesunde ist kein Nutzen belegt.

Dazu sollten Sie zweierlei wissen. Ablagerungen im Gehirn sind noch keine Diagnose, nicht jeder, der sie hat, wird krank. Erinnern Sie sich an den Satz von oben: Ein besserer Laborwert ist noch kein besserer Patient. Umgekehrt gilt das genauso, ein schlechterer Laborwert ist noch kein kranker Mensch. Die Fachwelt streitet gerade ernsthaft darüber, ob ein auffälliger Wert ohne Beschwerden überhaupt schon eine Krankheit ist. Und: So ein Befund steht danach in Ihrer Akte und muss angegeben werden, wenn Sie später eine Lebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen wollen. Für Gentests gibt es dagegen einen gesetzlichen Schutz, allerdings nur bis zu bestimmten Versicherungssummen.

Gentests, die man selbst im Internet bestellt. In Deutschland sind solche Tests aus gutem Grund an einen Arzt und an eine Beratung gebunden. Wer ein Testkit im Ausland bestellt, umgeht genau diesen Schutz. Und er bekommt am Ende eine Zahl, aus der keine einzige neue Maßnahme folgt. Das gilt übrigens auch für einen Test auf ApoE4 beim Arzt, solange Sie gesund sind: Die Empfehlungen wären danach dieselben wie vorher.

Wann eine Abklärung sinnvoll ist

Nicht zur Vorsorge. Sondern dann, wenn etwas auffällt.

Lassen Sie es abklären, wenn Sie selbst oder Ihre Familie über Monate eine Zunahme bemerken und der Alltag leidet. Oder wenn sich jemand im Wesen verändert und ohne erkennbaren Grund zurückzieht.

Was dann passiert, ist weniger dramatisch, als viele befürchten. Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch, auch mit den Angehörigen. Dazu kommen ein kurzer Test am Tisch und eine Blutuntersuchung. Je nach Ergebnis folgen Aufnahmen vom Gehirn oder eine Überweisung an eine Gedächtnisambulanz. Niemand bekommt an einem Vormittag eine Diagnose aufgedrückt.

Eine Abklärung ist auch dann sinnvoll, wenn man am Ende nichts heilen kann. Dafür gibt es vier Gründe:

  1. Man findet dabei die Ursachen, die sich behandeln lassen.
  2. Betroffene und Familie bekommen eine Erklärung. Und eine Erklärung lässt sich fast immer besser aushalten als eine unbestimmte Sorge.
  3. Mit einer Vorsorgevollmacht legen Sie fest, wer später für Sie entscheiden darf. Mit einer Patientenverfügung legen Sie fest, was Sie medizinisch wollen und was nicht. Beides kann man nur festlegen, solange man das noch selbst entscheiden kann. Eine Demenzdiagnose bedeutet nicht automatisch, dass das nicht mehr geht. Aber die Zeit dafür ist begrenzt.
  4. Es gibt Unterstützung: Beratungsstellen, Tagespflege, Hilfe im Haushalt und Geld von der Pflegekasse für Entlastung. Das muss man kennen, bevor man es dringend braucht.

Das Wichtigste zum Schluss

Alzheimer kann man nicht heilen und nicht sicher vorhersagen. Das eigene Risiko lässt sich wahrscheinlich senken. Am besten belegt ist das für die Behandlung des Blutdrucks. Das meiste andere, was dafür empfohlen wird, tut Ihnen ohnehin gut.

Und halten Sie auseinander, was ständig durcheinandergeht: Gegen die normale Vergesslichkeit im Alter können Sie viel tun. Die Alzheimer-Krankheit selbst halten Sie damit nicht auf. Wer beides weiß, hat schon weniger Angst.

Merksatz: Kümmern Sie sich um Ihren Blutdruck und Ihr Gehör, und bleiben Sie unter Leuten. Das ist besser belegt als jede Kapsel, die man Ihnen dafür verkauft.

Quellen (Auswahl): S3-Leitlinie Demenzen (Living Guideline), DGPPN und DGN, AWMF-Reg.-Nr. 038-013, Langversion 6.1 vom 27.04.2026; Fachinformation Tebonin konzent 240 mg, Stand Januar 2020; Deutsche Alzheimer Gesellschaft (Informationsblatt 1, Stand August 2024), DAK-Gesundheit/Forsa (November 2025), Robert Koch-Institut (Journal of Health Monitoring, März 2025), Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention and Care 2024, Gemeinsamer Bundesausschuss (Beschlüsse vom 20.11.2025, 19.02.2026 und 16.04.2026), Kassenärztliche Bundesvereinigung (Vereinbarung vom 05.03.2026), Europäische Arzneimittel-Agentur, IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes, Cochrane Collaboration, ACTIVE-Studie (J Am Geriatr Soc 2014), Neurology 2020, NEJM 2023 und JAMA 2023 (Zulassungsstudien), Federal Trade Commission.

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