Die Reiseapotheke: Warum weniger oft mehr ist

Was wirklich in den Koffer gehört, was zu Hause bleiben darf und warum Mückenschutz das am meisten unterschätzte Thema der Reisemedizin ist.
Letzte Woche saß eine Patientin bei mir, die in drei Tagen nach Sri Lanka fliegt und mir stolz ihre gepackte Reiseapotheke zeigte. Zwölf Packungen. Darunter zwei verschiedene Antibiotika „für den Notfall“, ein Breitband-Schmerzmittel, das sie noch nie genommen hat, und ein Kühlpad-Set für einen Koffer, der ohnehin 45 Grad im Frachtraum erlebt. Ich musste schmunzeln. Nicht, weil sie etwas falsch gemacht hätte, sondern weil sie fast alles Wichtige vergessen hatte, dafür aber bestens für einen Kleinkrieg gegen Bakterien gerüstet war, die es in Sri Lanka wahrscheinlich gar nicht auf sie abgesehen haben.
Reiseapotheken sind eines dieser Themen, bei denen jeder eine Meinung hat und trotzdem die Hälfte der Patienten am Ende genau das Falsche einpackt. Zeit, das mal aufzuräumen.
Packen Sie Ihre Reiseapotheke nach dem, was tatsächlich passiert, nicht nach dem, wovor Sie am meisten Angst haben.
Wofür eine Reiseapotheke eigentlich da ist
Eine Reiseapotheke soll zwei Dinge leisten: die Zeit überbrücken, bis Sie vor Ort oder zu Hause wieder an Ihre gewohnte Versorgung kommen, und die häufigsten kleinen Malheure abfedern, die auf Reisen nun mal passieren: Durchfall, Sonnenbrand, Insektenstiche, eine verstauchte Hand am Pool. Sie ist kein Ersatz für eine Arztpraxis im Koffer, und sie muss auch keine sein.
Was auf jeden Fall hineingehört, unabhängig vom Reiseziel: Ihre Dauermedikation, in ausreichender Menge plus Reserve für ein paar Tage, falls der Rückflug sich verspätet. Schmerz- und Fiebermittel wie Paracetamol oder Ibuprofen. Etwas gegen Durchfall und Übelkeit, dazu Elektrolytpulver zum Auffüllen des Flüssigkeitshaushalts. Verbandsmaterial, ein Fieberthermometer, Sonnenschutz mit mindestens LSF 30 und ein Mittel gegen Insektenstiche (dazu gleich mehr).
Bei Fernreisen kommen je nach Ziel noch Malariaprophylaxe oder ein Moskitonetz hinzu. Das bespreche ich aber lieber individuell in der reisemedizinischen Beratung als pauschal im Blog, denn hier hängt wirklich alles vom Reiseziel ab.
Mückenschutz: das am meisten unterschätzte Thema
Was mich seit Jahren umtreibt: Die Leute packen ängstlich, statt vernünftig zu packen. Sie nehmen mit, wovor sie am meisten Angst haben, nicht das, was sie statistisch am wahrscheinlichsten brauchen werden. Mückenschutz ist dabei das Paradebeispiel für das Gegenteil: ein Thema, das viel zu selten ernst genommen wird, dabei ist es inzwischen eines der wichtigsten in der Reisemedizin überhaupt.
Mücken übertragen je nach Region unterschiedliche Krankheiten, und die Risikogebiete verschieben sich. Denguefieber hat sich in den vergangenen Jahren in vielen tropischen und subtropischen Regionen deutlich weiter ausgebreitet. Fachgesellschaften diskutieren inzwischen sogar, ob eine Dengue-Impfung nicht nur für Menschen sinnvoll ist, die die Infektion schon einmal hatten, sondern grundsätzlich für gefährdete Reisende in Risikogebiete. In Malaria-Endemiegebieten bleibt die Mückenprophylaxe ohnehin die zentrale Schutzmaßnahme neben der medikamentösen Vorbeugung.
Was viele überrascht: Der wirksamste Mückenschutz ist meist nicht das Spray, sondern die Kleidung. Lange, helle, luftige Kleidung, die Arme und Beine bedeckt, schützt zuverlässiger als jedes Repellent allein, gerade in der Dämmerung, wenn viele Mückenarten aktiv werden. Ein Moskitonetz über dem Bett ist in Risikogebieten ohne durchgängige Klimaanlage weiterhin eine der effektivsten Einzelmaßnahmen, die es gibt. Repellents mit DEET oder Icaridin ergänzen das sinnvoll, ersetzen es aber nicht.
Für akute Stiche, die trotz aller Vorsicht passieren, hat sich in meiner Praxis ein kleines Zusatzgerät bewährt: ein batteriebetriebener Stift, der durch punktuelle Wärme das Juckreiz auslösende Eiweiß im Gewebe deaktiviert. Kein Medikament, keine Chemie, passt in jede Hosentasche. Wichtig ist nur: Dieser Stift lindert ausschließlich den Juckreiz, er schützt nicht vor der Krankheitsübertragung selbst. Das eine ersetzt das andere nicht.
Durchfall: nicht sofort zum Stopper greifen

Bei Durchfall auf Reisen neigen viele dazu, sofort zu einem Mittel zu greifen, das die Darmtätigkeit bremst. Verständlich, aber nicht immer die klügste erste Reaktion. Durchfall hat in vielen Fällen eine Funktion: Der Körper versucht damit, Krankheitserreger und Toxine aus dem Darm zu befördern. Wird diese Reaktion zu früh und zu stark unterdrückt, können die Erreger länger im Körper bleiben.
Deshalb steht bei leichtem bis mittlerem Reisedurchfall erst der Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich im Vordergrund, nicht das sofortige Stoppen. Elektrolytpulver halte ich im Alltag zu Hause ehrlich gesagt für ziemlich überflüssig. Auf Reisen sieht das anders aus, besonders bei stärkerem Durchfall in heißen Klimazonen, wo der Flüssigkeitsverlust schneller kritisch wird. Ein durchfallhemmendes Medikament ist eher für den Moment gedacht, in dem eine lange Busfahrt oder ein Flug ansteht und die Symptome kurzfristig unterbrochen werden müssen, nicht als Dauerlösung für die ganze Reise.
Was ich aus der Reiseapotheke verbannen würde
Hier wird es vielleicht unpopulär, aber: Ich bin skeptisch gegenüber der Reiseapotheke als Rundum-Sorglos-Sammlung. Zweit- und Drittantibiotika „zur Sicherheit“, ohne dass ein Arzt das gezielt verordnet hat, gehören für mich nicht standardmäßig hinein. Antibiotikaresistenzen entstehen unter anderem genau so: durch unkontrollierte Selbstmedikation im Ausland. Ein Breitbandantibiotikum als Stand-by-Therapie kann bei bestimmten Fernreisezielen durchaus sinnvoll sein, aber das bespreche und verordne ich gezielt vor der Reise, nicht auf eigene Faust aus dem Hausapotheken-Schrank.
Auch stark wirksame Schmerzmittel, die Sie zu Hause noch nie gebraucht haben, würde ich zu Hause lassen.
Der Urlaub ist der denkbar schlechteste Moment, ein Medikament zum ersten Mal auszuprobieren.
Und dann mit einer unbekannten Nebenwirkung im Hotelzimmer zu sitzen, macht es nicht besser. Ein Punkt zur Rechtslage, der oft unterschätzt wird: Verschreibungspflichtige und vor allem Betäubungsmittel-haltige Medikamente sollten Sie immer in der Originalverpackung mit Beipackzettel transportieren, im Handgepäck, nicht im Koffer. Bei größeren Mengen oder Betäubungsmitteln lohnt sich eine kurze, englischsprachige ärztliche Bescheinigung. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt stellt Ihnen die auf Wunsch rechtzeitig vor der Reise aus. Das erspart Diskussionen am Flughafen, die niemand auf dem Weg in den Urlaub führen möchte.
Was Sie mitnehmen können
Packen Sie Ihre Reiseapotheke nach dem, was tatsächlich passiert, nicht nach dem, wovor Sie am meisten Angst haben. Dauermedikation, Schmerzmittel, etwas gegen Durchfall, Verbandsmaterial, Sonnenschutz, ein Thermometer und ein durchdachter Mückenschutz decken neun von zehn Reisezwischenfälle ab. Alles Weitere hängt vom Reiseziel ab, und dafür lohnt sich vier bis sechs Wochen vor Abreise ein kurzes Gespräch in der Praxis, gerade bei Fernreisen, chronischen Erkrankungen oder wenn Kinder mitreisen.
Ich freue mich über jeden, der vor der nächsten Reise kurz vorbeischaut: lieber eine Frage zu viel in der Sprechstunde als eine Antibiotika-Packung zu viel im Koffer.
Checkliste zum Mitnehmen
Damit beim Packen nichts untergeht, habe ich die wichtigsten Punkte auf zwei Seiten zusammengefasst: die Grundausstattung für jede Reise und die Ergänzungen, die bei Fernreisen dazukommen. Zum Ausdrucken oder als Datei auf dem Handy.





